Moin ihr Lieben,
TL;DR: Eine Grundfähigkeitsversicherung ist keine Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung. Wer euch das erzählt, ignoriert aktuelle Gerichtsurteile. Beide Versicherungen sichern unterschiedliche Dinge ab.
In meinen Beratungen erlebe ich oft den gleichen Moment. Jemand aus dem Handwerk sitzt vor mir und wir sprechen über die Absicherung des Einkommens. Der Wunsch ist völlig klar. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung soll her. Dann rechnen wir die Beiträge durch oder schauen auf die Gesundheitsfragen. Plötzlich ist die Enttäuschung groß. Der Schutz ist unbezahlbar oder wird direkt abgelehnt.
Oft kommt dann die Frage nach einer günstigeren Alternative auf. Genau hier wird es in der Versicherungsbranche oft gefährlich.
Viele Vermittler ziehen in so einem Moment die Grundfähigkeitsversicherung aus der Tasche und verkaufen sie als den perfekten Plan B. Das ist fachlich falsch und wurde von Gerichten bereits deutlich abgestraft.
Ich habe mir die aktuelle Rechtsprechung dazu genau angesehen. Der Bundesgerichtshof hat am 11. Dezember 2024 unter dem Aktenzeichen IV ZR 498/21 unmissverständlich klargestellt, dass eine Grundfähigkeitsversicherung rein rechtlich keine Arbeitskraftabsicherung ist. Die Leistungsauslöser knüpfen nicht unmittelbar an die Arbeitsfähigkeit an.
Wer als Makler etwas anderes behauptet, haftet dafür. Das Oberlandesgericht Dresden hat im November 2023 unter dem Aktenzeichen 4 U 54/23 einen Vermittler wegen Falschberatung zu Schadensersatz verurteilt. Das Landgericht Bamberg hat in einem ähnlichen Fall ebenfalls hart durchgegriffen. Vermittler dürfen nicht dazu raten, eine Berufsunfähigkeitsversicherung zugunsten einer Grundfähigkeitsversicherung aufzugeben, ohne massiv auf die Unterschiede hinzuweisen.
Warum sind die Gerichte da so streng? Dazu muss man sich die völlig unterschiedliche Logik der beiden Produkte ansehen.
Eine Berufsunfähigkeitsversicherung schützt immer deinen konkreten Beruf. Sie fragt bei einem Dachdecker, ob er noch auf dem Dach arbeiten kann. Es geht um die ganz konkreten Tätigkeiten deines Arbeitsalltags.
Die Grundfähigkeitsversicherung geht einen komplett anderen Weg. Sie entkoppelt den Schutz ganz bewusst von deinem Beruf. Sie schützt stattdessen deine grundlegenden körperlichen Fähigkeiten.
Um das greifbar zu machen, habe ich mir das Kleingedruckte eines aktuellen Tarifs angesehen. Nehmen wir den Plan D der Dortmunder. Wann genau ist eine Fähigkeit dort verloren?
Nehmen wir ein praktisches Beispiel. Ein Zimmermann stürzt schwer. Seine Knie sind kaputt und er kann nicht mehr schwer heben oder auf dem Dach herumklettern. Für seinen Job als Zimmermann ist er berufsunfähig. Die Berufsunfähigkeitsversicherung würde hier zahlen.
Wenn dieser Zimmermann im Alltag aber noch besagte 400 Meter gehen und 12 Stufen steigen kann, dann greift die Grundfähigkeitsversicherung in diesem Moment nicht. Seine vertraglich definierten Fähigkeiten sind laut den Bedingungen noch vorhanden.
Es geht aber auch genau andersherum. Verliert jemand durch eine Krankheit die Fähigkeit des Gehens, zahlt die Grundfähigkeitsversicherung die vereinbarte Rente aus. Das tut sie auch dann weiter, wenn die Person sich umschulen lässt und danach in Vollzeit am Schreibtisch arbeitet. Bei der Grundfähigkeitsversicherung ist das berufliche Endergebnis völlig egal. Es zählt rein der körperliche Verlust.
Genau deshalb ist die Grundfähigkeitsversicherung niemals eine echte Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung. Sie ist ein komplett eigenständiges Produkt mit einer ganz eigenen Daseinsberechtigung.
Für Menschen, die sich eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht leisten können oder sie aus gesundheitlichen Gründen nicht bekommen, ist sie ein massiv unterschätztes Sicherheitsnetz. Ohne diese Option würden viele Menschen komplett ohne Schutz dastehen. Die Grundfähigkeitsversicherung sichert nicht deinen Beruf ab, sondern dein körperliches Kapital.
Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob so eine Absicherung für euch sinnvoll ist oder welche Fähigkeiten genau abgedeckt sind, schaut euch eure Optionen ruhig einmal an.
Oder schreibt mir kurz.
Ich lese das Kleingedruckte beruflich ganz gerne.